© Aargauer Zeitung / MLZ; 13.02.2006

Sport Zeitung

Die doppelten Zwillinge

Eishockey Erfreulicher Einstand der Schweizer Frauen - mit Nebenschauplätzen

Die 0:6-Niederlage gegen Weltmeister USA im allerers ten olympischen Einsatz ist für das Schweizer Frauen-Eishockey eine Erfolgsmeldung.

Rainer Sommerhalder, Turin

Stefanie Marty hatte vor dem Spiel gegen die USA keine Zeit, nervös zu werden. Sie war es schon seit zwei Wochen. Das Olympiadebüt der 17-Jährigen aus Nussbaumen bei Baden hing nämlich an einem seidenen Faden. «Es war zeitlich verdammt eng», sagte selbst Nationaltrainer René Kammerer.

Was war geschehen? Während einer Schnellkrafteinheit im Trainingslager riss bei der Stürmerin des EV Zug ein Aussenband am Fuss. Anstatt mit dem Team nach Turin zu fahren, therapierte die Kantischülerin zu Hause in der Schweiz. Und hoffte, und zitterte. Die Verletzung wurde gegen aussen geheim gehalten. Dass Marty letztlich gegen die USA auf dem Eis stand, war ein medizinisches Kunststück und eine enorme Willensleistung.

So kam es also zum olympischen Zwillings-Debüt der beiden Aargauerinnen, angefeuert von den Eltern Sepp Marty und Marie-Luce Nussbaumer, die sich kurzerhand in Turin eine Wohnung mieteten, um das zumindest familienhistorische Ereignis nicht zu verpassen.

Stefanie und Julia blieben nicht die einzigen Twins im Stadion. Da waren auch noch Barbara und Jenna, mit Nachnamen Bush. Die Präsidententöchter begleiteten Mutter Laura auf der Italien-Visite und wählten als Sightseeing-Destination aus dem reichhaltigen olympischen Programm ausgerechnet das Spiel gegen die Schweiz aus, wohlwissend dass sie diesen Wettkampf ort PR-gerecht als Sieger verlassen würden. Die Bushs, mitten im Gewühl auf hundsgewöhnlichen Plastikschalen sitzend und abgeschirmt von einem Dutzend gut gebauter Secret-Service-Agenten, gerieten natürlich zur Attraktion in der mit gut 2000 Leuten gefüllten Eishalle. Und die Italiener kannten zum Leidwesen der amerikanischen Bodyguards keinerlei Berührungsängste gegenüber der First Lady. Nach dem x-ten Erinnerungsfoto mit Laura im Arm war es der amerikanischen Präsidentenfamilie, respektive primär deren Bewacher, dann doch zu viel. Noch bevor das letzte Tor gefallen war, verliess der prominente Tross den Tatort wieder.

Laura Bush stahl mit ihrem Auftritt der Schweizer Torfrau Patricia Elsmore-Sautter die Show. Mit 50 abgewehrten Schüssen bot die in den USA lebende Schaffhauserin eine Weltklasse-Leistung, welche den Schweizer Coach zur gewagten Aussage veranlasste: «Wir haben die besten Torhüterinnen an diesem Turnier.»

Und die einzigen Zwillinge. Mit ihren 17 Jahren sind die Martys die jüngsten Feldspielerinnen im Schweizer Team. Trotzdem beantworteten sie die Fragen der Journalisten wie abgebrühte Profis. Nach der Mittelland Zeitung war die «Sports Illustrated» dran. «It is a dream to be here», diktierte Stefanie ins Mikrofon. «Wir wollen das Schweizer Frauen-Hockey in Turin so teuer wie möglich verkaufen», doppelte Julia nach.

Um letztlich doch noch dem emotionalen Abstecher in die Schwärmerei zu erliegen. Es sei einfach unglaublich, in so engem Kontakt mit all den Weltklasse-Sportlern im olympischen Dorf zu wohnen. «Und da ist für uns sogar alles gratis», strahlte Julia. Zumindest winkten die Martys nicht mitten im Spiel ihren Bekannten im Publikum. Sie wären nicht die Einzigen gewesen.

 

«Wir wollen das Frauen-Hockey so teuer wie möglich verkaufen»

Gemeinsamer Widerstand Die Zwillinge Stefanie (rechts) und Julia Marty (unten) unterstützen Torhüterin Patricia Elsmore-Sautter. ALESSANDRO DELLA VALLE/keystone