© Aargauer Zeitung / MLZ; 06.01.2004; Seite 29

Sport Aargau

«Ich habe das Spiel in Händen»

EISHOCKEY · Florence Unterluggauer - als Mädchen im Tor der Regionalauswahl

Posieren mit ihrem grossen Vorbild Florence Unterluggauer vor dem Poster der NHL-Legende Patrick Roy. rs

Rainer Sommerhalder

In Amerika war sie eine gefragte Person. Die 13-jährige Florence Unterluggauer aus Würenlos musste Journalisten Red und Antwort stehen, sich von vielen kritisch mustern und letztlich von manchen auf die Schultern klopfen lassen. Einige konnten schlichtweg nicht glauben, was sie sahen. Am Eishockey-Turnier von Albany bei New York, einem der grössen Nachwuchs-Events mit 40 verschiedenen Teams, stand im Tor der Schweizer Mannschaft doch tatsächlich ein Mädchen. Und sie stand nicht einfach dort, sie machte einen exzellenten Job. «Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung», sagten ihr Trainer René Scherrer und Florence selbst unisono. Sie habe während des gesamten Turniers, in dem sich die Mini-Novizin der Mighty Beavers Wettingen-Baden mit dem zweiten Torhüter paritätisch abwechselte, «kein einziges faules Ei erhalten». Die Gegentreffer seien meistens nach Abprallern entstanden und dort kennt sie die Regeln: «Der erste Schuss gehört mir, der Nachschuss den Verteidigern!»

Florence Unterluggauer spielt für ihr Leben gerne Eishockey. Die Leidenschaft hat sie von ihren beiden älteren Brüdern übernommen. Diese standen auch am Anfang ihrer Goaliekarriere, indem die Buben das Mädchen zu Hause im Garten beim gemeinsamen Training ins Tor stellten. Der Sekundarschülerin aus Würenlos macht es nichts aus, als einziges Mädchen in einem «Männerteam» zu spielen. Umgekehrt auch nicht, wie René Scherrer, Trainer der Nordwestschweizer U14-Auswahl, bestätigt. «Sie wird von allen Mitspielern voll akzeptiert.» Scherrer, der die 13-Jährige im Sommer als einziges Mädchen in die Auswahl der besten regionalen Talente berief, kann sich vorstellen, dass Florence in zwei Jahren sogar den Sprung in die überregionale U15 schafft. Ob danach weiterhin Platz für ein Mädchen in einer Junioren-Auswahl sei, kann er nicht sagen, weil es bisher keinen solchen Fall gab. Doch genau dies entspricht dem Wunsch des Goalies. «Ich würde mir wünschen, nie in einem Frauenteam spielen zu müssen.» Scherrer lobt die grosse Ruhe und die exzellente Technik der Würenloserin. Die Schlittschuhtechnik hat sie beim Eiskunstlaufen gelernt.

Florence ist vom USA-Trip mit der Regionalauswahl begeistert, auch wenn ihr Essen und Stadtbild von Albany nicht unbedingt zusagten. Dafür behagte ihr das Spiel auf dem kleineren Eisfeld, wo viel körperbetonter agiert wurde als in den Schweizer Nachwuchsligen. Der Torhüter stand dabei natürlich oft im Mittelpunkt. Ganz nach ihrem Gusto: «Als Goalie habe ich das Spiel in meinen Händen. Wenn ich einen Puck fange, klatscht das Publikum.»

Weihnachten hat Florence bei ihrer Gastfamilie in Albany gefeiert. Dabei fehlte es nicht an Themen, wohnte die Aargauerin doch bei Erin Magee, die vor zwei Jahren als Söldnerin in Diensten des SC Reinach Schweizer Meister wurde. Auch der Jetlag nach ihrer Rückkehr am frühen Montagmorgen stoppte Florences Tatendrang nicht. Am Nachmittag wollte sie - freiwillig - bereits wieder in die Schule («Wir haben zwei Stunden Turnen!») und abends stand schliesslich ein Klubtraining an. Zu erzählen gab es viel.